Coaching und Demokratie: welche Fähigkeiten brauchen wir?

Juli 11, 2026

Darf Coaching politisch sein? Podcastepisode #93 von Eindeutig Coaching mit Anja Mumm und Margot Böhm

Dieser Artikel basiert auf Episode #93 meines Podcasts "Eindeutig Coaching", einem Gespräch mit meiner DCV-LehrCoach-Kollegin Anja Mumm. In Episode #87 waren wir schon einemal im Gespräch: da ging es um Selbstoptimierung versus Selbstermächtigung, unter der großen Überschrift: Wozu ist Coaching eigentlich gut? In dieser Episode nehmen wir uns ein Thema vor, das komplexer ist, als es sich anhört: Coaching und Demokratie. Hier dazu ein paar Gedanken.

Mehr zu meinem 
Podcast "Eindeutig Coaching" findest Du hier.


Als Anja und ich anfingen, über dieses Thema zu sprechen, war schnell klar: Ein Bogen führt zum nächsten. Und der nächste Bogen lässt den ersten wieder in einem ganz anderen Licht erscheinen. Genau das macht es so spannend.

1. Was hat Coaching mit Demokratie zu tun?

Coaching, so wie wir es in Deutschland meistens verstehen, ist ein Vier-Augen-Gespräch. Ein:e Coach, ein:e Coachee. Fokussiert auf die individuelle Perspektive der Coachee.

Demokratie dagegen lebt von Gemeinschaft, von Aushandlung. Von Gemeinwohlorientierung.

Auf den ersten Blick zwei Welten. Aber wenn ich genauer hinschaue, beruht beides auf einer gleichen Grundlage: nämlich auf Haltung. 

Es ist zentral, in einer Coachingausbildung eine Haltung zu entwickeln, mit der ein:e Coach überhaupt mit dem Gegenüber arbeiten kann. Und diese Haltung braucht es auch für eine funktionierende Demokratie.

Coaching kann Menschen darin unterstützen, demokratische Prozesse zu initiieren, sie in Gang zu halten, sie zu fördern. 

Coaching stärkt demokratische Prozesse, weil es Fähigkeiten fördert, die in Demokratien dringend gebraucht werden.

Und Coaching stärkt demokratische Persönlichkeiten (ein Wort von Anja, ich hab mich gleich in diesen Begriff verliebt).

Coaching stärkt sie darin, ihre Ressourcen zu sehen und bewusst zu nutzen und Ziele so zu definieren, dass sie erreichbar werden. Gleichzeitig aber auch darin, gut für sich zu sorgen und selbstkameradschaftlich mit dem um zu gehen, was sie so um "die Ohren hat".


2. Welche Fähigkeiten braucht eine demokratische Persönlichkeit?

Folgendes ist alles andere als erschöpfend, sticht aber unseres Erachtens heraus:

Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Auch wenn ich anderer Ansicht bin, mich für einen Moment auf die Sicht meines Gegenübers einlassen zu können. Mit der Gewissheit, dass die Person gute Gründe hat, warum sie so denkt, wie sie denkt.

Dialogfähigkeit. Im Gespräch bleiben zu können, ohne sofort ausfällig zu werden oder abzubrechen, wenn es in eine unangenehme Richtung läuft.

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Über die eigenen Gedanken, Ziele, Überzeugungen reflektieren zu können und sie gegebenenfalls verändern zu können.

Aktiv zuhören können. Der Wunsch, den/die andere:n erst einmal zu verstehen und sich dafür ausreichend Zeit zu nehmen.

Frustrationstoleranz. Demokratische Entscheidungen sind mehrheitsbasiert. Wenn die Mehrheit anders entscheidet, als ich es gerne gehabt hätte, muss ich das aushalten können. Unschön, aber Teil der Sache.

Verlängern können wir die Liste um Fähigkeiten wie Fake News und Deepfakes zu erkennen, Standhaftigkeit, Rückgrat zeigen, Zukunftsorientierung: Welche Vorstellung habe ich von der Zukunft, und kann ich mich darüber mit anderen austauschen?

Wir haben uns auch über den Begriff "Meinungsfreiheit" unterhalten. Man darf in einer Demokratie alles sagen. Das ist das Schöne daran. Die Grenzen dessen aber liegen da, wo "ich sage, was ich denke" mit "ich beleidige, bedrohe, grenze aus" verwechselt wird. Da ist eine Grenze überschritten: andere zu beleidigen ist etwas anderes, als die eigene Meinung zu äußern. Es geht um die Art, wie wir es sagen und wie wir auf Menschen zugehen. 

Denn die Würde des Menschen ist unantastbar, das steht ganz weit vorne im Grundgesetz. Das ist unsere demokratische Basis.


3. Rollenklarheit – eine zentrale Fähigkeit kommunalpolitischer Mandatsträger:innen

Für Kommunalpolitiker:innen ist das ein wiederkehrendes Thema und spielt von daher eine große Rolle (auch wenn sie ins Coaching kommen): in welcher Rolle bin ich gerade unterwegs? Versuche ich als Mitglied einer Fraktion grad die anderen zu überzeugen? Dann gehe ich all in für die Sache. Leite ich grad eine Sitzung? Dann moderiere ich die Debatte und halte mich inhaltlich zurück. Da schwingt etwas mit von: Lass uns miteinander ins Geschäft kommen, lass uns gemeinsam die bestmögliche Lösung finden.

Das kann ganz schön tricky sein, wenn ich gleichzeitig weiterhin auch Fraktionsmitglied bin.

Warum ist Rollenklarheit so wichtig für die Demokratie? 
Ein:e Sitzungsleiter:in hat viel Macht. Er erteilt das Wort, strukturiert die Debatte und hat jederzeit das Recht, selber zu reden. Wenn er das dafür nutzt, die eigene Meinung dauernd nach vorne zu bringen, verschiebt das die Debatte unzulässigerweise. Und das ist leider nicht selten der Fall.

Ich kenne das, da ich selber auch Kommunalpolitik mache. Immer zu schauen: wer bin ich grad? Was geht? Was ist angemessen? Und: wohin mit meinen Emotionen?

Ein weiterführendes und aus meiner Sicht sehr spannendes Thema, dass ich hier aber nicht weiter vertiefen kann, ist das einer "coachingbasierten Politikgestaltung". Wie können wir Coachinghaltung, -methoden, auch -settings im Politikbetrieb fruchtbar machen?


4. Welche konkreten Beispiele gibt es aus meiner Praxis?

Ich will an drei Projekten zeigen, wie Coaching in der Praxis nützlich sein kann:

4.1 Aktionsprogramm: Frauen in die Kommunalpolitik!

Vor einer Weile durfte ich diese bundesweit organisierte Projektreihe begleiten. Ich habe zwei Workshops mit Kommunalpolitikerinnen in den neuen Bundesländern moderiert, kurz nach Kommunalwahlen.

Im Vorfeld haben wir als Vorbereitungsteam uns gefragt, ob wir einen "clash of culture" zu erwarten haben. Die AfD war zu dem Zeitpunkt bereits sehr stark geworden, und wir wussten nicht, wie unterschiedlich die Wertvorstellungen der Teilnehmerinnen sein würden. Würden wir zunächst um die Basis der Zusammenarbeit im Workshop ringen müssen?

Das Ergebnis war anders, als wir erwartet hatten: Es kamen ausschließlich Frauen, die respektvoll, wertschätzend und unterstützend miteinander umgingen. Die das nicht wollten, sind gar nicht erschienen.

Sind coachingbasierte Workshops also an sich nur attraktiv für Personen mit einem entsprechenden Mindset?

Das hieße aber auch, dass auf so eine Weise kaum Räume zu organisieren sind, die zwischen den von ihren Grundwerten her sehr unterschiedlichen politischen Lagern Brücken entstehen lassen könnten. Das ist genau die Bubble-Bildung, die wir gesellschaftlich gerade an vielen Stellen erleben.


4.2 Ich und mein Dorf

Ein anderer Auftrag kam vom Regionalen Netzwerk für Nachhaltigkeitsstrategien (RENN-Nord). Der Auftrag war ein Seminar für ehrenamtliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Schleswig-Holstein, um die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) in die Kommunen bringen.

Zu meinem Auftrag gehörte es zunächst, vorher Interviews zu führen, auf verschiedenen Ebenen. Mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern selbst, mit der mittleren Ebene, mit der Landesebene. Die Vorstellungen waren völlig unterschiedlich. Während die Landesebene Wissen in die Gemeinde bringen wollten, lautete der zentrale Satz aus den Reihen der ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern: "Wir lesen das sowieso nicht." Sie hatten schlicht keine Zeit für weitere Unterlagen.

Also haben wir das ganze Konzept vom Kopf auf die Füße gestellt und ein Coaching-Seminar daraus gemacht. Wir nannten es: "Ich und mein Dorf". Statt Antworten zu liefern, haben wir die Ehrenamtlichen gefragt: Was brauchst Du? Was sind Deine Ressourcen, Deine Visionen, Deine Kompetenzen? Was willst Du bewirken, und wie willst Du Deine Arbeit machen?

Das haben die Teilnehmenden sehr geschätzt. Endlich mal gesehen werden in dem, was man leistet, endlich eine, die nicht eine weitere Aufgabe stellt, sondern fragt: Was brauchst Du? Wir setzten das "Ich" an erster Stelle, nicht das "Dorf".

Genau so etwas wird ehrenamtlich Engagierten selten angeboten. 

Ich bin davon überzeugt, dass eine Demokratie die Menschen, die sich ehrenamtlich einsetzen, wenigstens mit Coaching unterstützen muss.

Aktuell gibt es leider dafür zu wenig Angebote (weil zu wenig Geld).


4.3 Rückgrat to go

Vor einiger Zeit habe ich mich gefragt, wie ich als Coach Demokratie fördern kann. Daraus ist ein Seminar entstanden: "Rückgrat to go", mit dem Untertitel "für Tintenfische und andere Wirbeltiere".

Es ging darum, Standhaftigkeit zu stärken, Ressourcen zu spüren, mit sich selbst und anderen in Verbindung zu kommen und tatsächlich erst einmal nicht zu funktionieren. 

Ich wollte dieses eigentlich ernste Thema mit Humor verbinden und Tiefe mit Leichtigkeit verknüpfen. Das Seminar war relativ schnell ausgebucht, was ich vorher nicht unbedingt erwartet hatte. 

Und es hat mich sehr bewegt. Die dichte Atmosphäre, das Engagement, die Ergebnisse. Ich bin bis heute berührt von dem, was in diesem Raum passiert ist. Was für tolle Menschen waren da versammelt.

Ich werde für 2027 einen weiteren Termin in der Akademie am Meer auf Sylt dafür erfragen.


5. Darf Coaching politisch sein?

Auch diese Frage haben wir uns in unserem Podcastgespräch gestellt. Und nach wenigen Sätzen umgedreht: kann Coaching eigentlich unpolitisch sein?

Das Wort "politisch" kommt vom griechischen "polis", die Stadt oder der Stadtstaat. Politisch heißt ursprünglich: die Stadt betreffend, das Gemeinwesen betreffend. 

Später kam eine zweite Bedeutung hinzu: klug und berechnend auf ein Ziel ausgerichtet.

Jeder Coachingprozess ist auf ein Ziel hin ausgerechnet. Aber "berechnend"? Das klingt nach "Hintergedanken". Und das ist im Coaching definitiv nicht gemeint.

Dennoch: Coaching ist niemals neutral. Selbst wenn wir als Coaches das Ideal haben, ergebnisoffene Prozesse zu ermöglichen: wir sind selbst keine Neutren. Wir haben eigene Werte, eine eigene (politische) Einstellung. Und das ist auch ein Teil unseres Angebotes. Coachees entscheiden sich für Menschen mit bestimmten Werten, die zu ihren eigenen passen. 

Natürlich haben wir Einfluss darauf, wie sehr wir das durchschimmern lassen - und da sollten wir sehr gut aufpassen. Uns stark zurück halten, wenn eigenes Stellung beziehen nicht dem Coachingprozess dient und transparent sein, wo wir Einfluss nehmen.

Im vorherigen Podcastgespräch zu Selbstoptimierung versus Selbstermächtigung mit Anja war das auch schon mal Thema, und das passt auch hier: ob ich eine:n Coachee dabei unterstütze, sich an problematische Strukturen anzupassen oder ob ich ihn dabei unterstütze, diese Strukturen kritisch zu hinterfragen, ist nicht wertneutral.

Parteipolitisch aber sollte Coaching keinesfalls sein.
Es geht nicht darum, politische Präferenzen zu vermitteln oder Menschen in eine bestimmte parteipolitische Richtung zu lenken. Es geht darum, Menschen dabei zu unterstützen, eigene Überzeugungen zu entwickeln, sich eigener Werte bewusst zu werden und Perspektiven zu erweitern.
Alles andere wäre Manipulation.


6. Wofür steht der Deutsche Coachingverband (DCV)?

Dazu hat sich unser Berufsverband, der Deutsche Coachingverband explizit geäußert. Und zwar in zwei verschiedenen Dokumenten.

Zum einen gibt es schon seit langem eine Ethikrichtlinie, die den DCV-Coaches bestimmte Dinge auferlegt. Wer sich zertifizieren lässt und als DCV-Coach bezeichnet, bekennt sich zu dieser Ethikrichtlinie.

Zum anderen haben wir vor zwei Jahren zusätzlich eine eigene Erklärung zu Freiheit, Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit verabschiedet. Darin wird noch einmal ganz klar formuliert, wofür unser Verband steht und wofür die Coaches stehen, die sich ihm angeschlossen haben. Ich finde das sehr wichtig. An dieser Stelle braucht es klare Aussagen.

Beide Dokumente werden getragen durch dieselben Grundwerte: Achtung der Menschenwürde, Wertschätzung von Vielfalt, Gewaltfreiheit, Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln – und auch für das eigene Nichthandeln.


7. Fazit: wo ich am Ende lande

Coaching kann dazu beitragen, "demokratische Persönlichkeiten" zu stärken. Menschen zu befähigen, Demokratien zu leben und sie mit zu gestalten. 

Egal, an welcher Stelle. Die Haltung im Coaching und die Haltung der Demokratie sind außerordentlich kompatibel. Beides hat sehr wenig gemeinsam mit einer autoritären Form des Zusammenlebens.

Die Stärke von Coaching ist, Menschen gerade nicht zu sagen, was sie denken sollen. Coaching unterstützt darin, selbst zu reflektieren. Coaching kann dazu beitragen, Widersprüche auszuhalten und dialogfähig zu bleiben. Wenn auf der anderen Seite die Bereitschaft dafür da ist.

Wenn Du lernen willst, mit Coaching gesellschaftlich zu wirken, findest Du den Rahmen dafür in unserer Coachingausbildung. Sie ist beim Deutschen Coachingverband zertifiziert.

Wenn Du erst einmal reinschnuppern willst in die Welt des professionellen Coachings, komm' ins Intensivtraining Coachingbasics.

Hier findest Du eine Übersicht über unsere aktuellen Termine für Workshops und Weiterbildung:

Margot Böhm schaut geradeaus

Über die Autorin

Margot Böhm

Margot Böhm ist Inhaberin des coaching.zentrum Sylt. Sie ist diplomierte Erziehungswissenschaftlerin (Erwachsenenbildung), SeniorCoach und LehrCoach (DCV) sowie behördlich geprüfte Darstellerin für Clowntheater und Komik.

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