Dieser Blogartikel bezieht sich auf meine Podcastepisode #106.
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Inhaltsverzeichnis:
- Die unbewusste Waage: wir zahlen nicht nur in Euro
- Spontankäufe und der Gewinn des Nicht-Entscheidens
- Was im Gehirn passiert: die neuronale Universalwährung
- Coaching-Werkzeuge: Zukunftsbilder zum Ausprobieren
- Wenn Entscheidungen gefallen sind: den Fokus auf den Nutzen richten
- Fazit: Die eigene Waage überprüfen
Ich bin mir sicher, dass wir bei so gut wie allen Entscheidungen im Alltag, den großen und den kleinen eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen. Bei allem, was wir tun – und bei allem, was wir lassen.
Wir setzen uns dafür in der Regel nicht mit Zettel und Stift an den Schreibtisch, um lange Pro-und-Contra-Listen zu schreiben. Das Gehirn entscheidet das blitzschnell im Alltag. Meistens kriegen wir gar nicht wirklich was davon mit.
1. Die unbewusste Waage: wir zahlen nicht nur in Euro
Kosten, das ist Geld, aber nicht nur und manchmal nicht mal vor allem. Im Alltag zahlen wir in ganz anderen Währungen: in Zeit, Energie, Lust, Freude, Lebensqualität, Beziehungen oder mit einem schlechten Gefühl.
Du sitzt nach Stunden noch am Schreibtisch oder abends auf dem Sofa. "Eigentlich sollte ich mich aufraffen, Schuhe anziehen und eine Runde an die frische Luft gehen", sagst Du zu Dir selbst.
Und im nächsten Moment: "Ich will diese Arbeit aber noch eben fertig machen (oder alternativ: die Sendung noch zu Ende gucken)". Und nun?
Wenn Du nicht wie ich einen Hund hast, der die Entscheidung jeden Tag für Dich abkürzt, fängt irgendetwas in Dir an, abzuwägen. Kosten gegen Nutzen.
Aufstehen und rausgehen wirst Du erst, wenn der erwartete Nutzen die gefühlten Kosten übersteigt. Der Nutzen kann gesundheitlich sein: Bewegung, Sauerstoff, ein freier Kopf. Vielleicht bedeutet es auch, Dir selbst ein Versprechen zu halten oder Dir zu zeigen, dass Du diszipliniert sein kannst.
Das Gleiche gilt in eigentlich allen Situationen auch im Job: bei strukturellen Veränderungen in Deiner Organisation, neuen beruflichen Möglichkeiten, Optionen, die auch Dein Team betreffen oder noch viele andere mehr.
Auch bei scheinbar kleinen Entscheidungen, bei denen gesellschaftliche oder globale Dimensionen berührt sind. Wobei Du da auch noch zwischen kurz-, mittel- oder langfristen Kosten und Nutzen abzuwägen könntest. Und den Nutzen/die Kosten nicht nur für Dich selber, sondern auch für andere und die Mitwelt mitdenken. Ist nicht gerade trivial.
2. Spontankäufe und der Gewinn des Nicht-Entscheidens
Es ist ja inzwischen gut belegt, dass wir Entscheidungen sehr oft "aus dem Bauch heraus" treffen (und sie - wenn überhaupt - nachher rational begründen). Das geschieht oft dann, wenn unser Gehirn sofort den Nutzen herausstellt.
Ich sehe einen spannenden Onlinekurs, bin begeistert, neugierig und kaufe. Wochen später stell' ich fest: Der Kurs liegt unberührt auf der Festplatte, rutscht auf der To-Do-Liste immer weiter nach unten und gerät kurz darauf in Vergessenheit.
Wie hoch war der Nutzen also tatsächlich? Wenn ich tiefer drüber nachdenke und das Glück habe, daraus zu lernen, betrachte ich die Kosten-Nutzen-Waage beim nächsten Mal anders. Probleme beim Check-out haben mich schon das ein oder andere Mal vor einem Kauf gerettet - weil sie mir Bedenkzeit verordnet haben und ich nach ner Weile dann doch eine andere Entscheidung getroffen habe.
Wenn wir in einer Situation verharren, ohne eine Entscheidung zu treffen, haben wir uns faktisch ebenfalls entschieden: nämlich dafür, vorerst nichts zu verändern. Der Grund liegt in der Kosten-Nutzen-Waage. Vielleicht verspricht uns das Vertraute dann doch einen höheren Nutzen (z.B. in Form von Sicherheit, geringerem Energieaufwand u.a.) als eine Veränderung, die wir nicht einschätzen können.
3. Was im Gehirn passiert: die neuronale Universalwährung
Warum ticken wir so? Die Neurobiologie liefert dafür handfeste Erklärungen.
Im Gehirn existiert ein eigenes Rechenzentrum: der ventromediale präfrontale Kortex (vmPFC) und der orbitofrontale Kortex (OFC). Diese Areale rechnen völlig unterschiedliche Dimensionen – Geld, Zeit, körperliche Mühe, soziale Anerkennung oder das schlechte Gewissen – in eine gemeinsame, subjektive Universalwährung um.
Dabei läuft ein ständiges Kräftemessen:
- Der Nucleus Accumbens und das Striatum feuern bei Vorfreude, Belohnung und erwartetem Nutzen.
- Die Inselrinde (Insula) und die Amygdala springen bei Schmerz, Risiko und Kosten an.
Der vmPFC bildet fortlaufend die Differenz aus beiden Signalen. Überwiegt das Belohnungssignal, kommen wir in die Handlung (hier weitere Infos und die Quelle).
Ich finde es faszinierend, wie die Hirnforschung heute messbar belegt, was wir im Coaching seit Jahrzehnten in der Praxis beobachten.
4. Coaching-Werkzeuge: Zukunftsbilder zum Ausprobieren
Im Coaching unterstützen wir Klient:innen dabei, diese unbewusste Waage im geschützten Raum sichtbar zu machen:
- Welche Kosten erwartest Du bei einer Veränderung?
- Welche Art von Nutzen wünschst Du Dir?
- Geht es um ein echtes Bedürfnis oder nur um eine alte Gewohnheit?
- Willst Du Deine Annahmen überprüfen?
Ein zentrales Werkzeug ist, mit allen Sinnen in die erstrebenswerte Zukunft einzutauchen. Was siehst Du dort? Was hörst und spürst Du? Wer ist bei Dir? Wie fühlst Du Dich dort?
Das Vorwegnehmen erfüllt zwei Funktionen:
- Die Überprüfung: Manchmal merkt eine Person erst im konkreten Reinfühlen: „Das ist gar nicht meins. Das fühlt sich falsch an.“ Dann erspart das Zukunftsbild teure Fehlentscheidungen. Wenn es aber passt, wird es sofort ein Stück Realität.
- Die Überwindung der Zeitdistanz: Unser Gehirn stuft Nutzen, der weit in der Zukunft liegt, automatisch als weniger wertvoll ein. Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen: Lebhaftes, bildhaftes Vorstellen zukünftiger Ereignisse (Episodic Future Thinking) verringert diese zeitliche Abwertung messbar. Denn der Nutzen wird im Hier und Jetzt spürbar (hier weitere Infos und die Quelle).
Wenn der Nutzen emotional greifbar ist, sind wir bereit, die notwendigen Schritte und auch Kosten auf dem Weg dorthin auf uns zu nehmen.
5. Wenn Entscheidungen gefallen sind: den Fokus auf den Nutzen richten
Was tun wir, wenn gar keine große Wahl mehr ansteht?
Manche Veränderungen passieren in gewisser Weise: eine Schwangerschaft stellt das Leben auf den Kopf, kleine Kinder noch viel mehr. Der Ruhestand verändert den Lebensrhythmus und betriebliche Strukturen verändern sich. Die Weichen sind also gestellt.
Wenn es nicht mehr um das Abwägen von Optionen geht, geht es um eine bewusste Entscheidung über die eigene Aufmerksamkeit: Worauf richte ich meinen Fokus?
Schaue ich auf die Verluste und Kosten oder auf den Nutzen? Und frage ich mich, wie ich die Nutzenseite aktiv erhöhen kann? Wenn Du den Nutzen fokussierst und über den Tellerrand blickst, fallen Dir plötzlich neue Möglichkeiten ein, den Nutzen zu vergrößern.
Auch wenn irgendwas schief gelaufen ist, was Du nicht mehr ändern kannst: es bringt nichts, über vergossene Milch zu heulen. Ich weiß nicht mehr wann es war, aber ich weiß noch was es bewegt hat, als ich zum ersten Mal innerlich an diesen Spruch angedockt bin: es kostet so viel weniger Energie, die Dinge anzunehmen, wie sie sind – und das zu machen, was geht.
Wenn Du auch diesen einen vergessenen Onlinekurs auf Deinem Rechner hast: vielleicht magst Du durch die Lektionen scannen und Dir eine einzige Idee herausnehmen, die Dir heute hilft. Schon hat sich die Investition gelohnt.
Auch Clownin Margooo hat abgewogen - offenbar mit einem anderen Ziel. Was dabei herausgekommen ist, siehst Du hier mit einem Klick aufs Bild...🙂
6. Fazit: Die eigene Waage überprüfen
Ob bei kleinen Alltagsroutinen oder großen beruflichen Weichenstellungen: Wir verhandeln ständig mit uns selbst mit Hilfe unserer inneren Waage.
Manchmal hilft es, sich das genauer anzuschauen und sich dafür Zeit zu nehmen. Manchmal hilft ein Perspektivwechsel. Manchmal helfen Fragen, die Dir jemand anders stellt oder Teppichfliesen im Raum, auf denen Du Deiner attraktiven Zukunft nachspürst.
Im AuszeitCoaching auf Sylt zum Beispiel sortierst Du diesen inneren Rechenprozess mit Ruhe, Weitblick und viel Wind um die Nase.





