_ do it your way.

Covid19 und ich

coaching sylt

Wie wir versuchen, uns in unbekanntem Gebiet zu orientieren

Im Wimmelbild

Die meisten von uns leben seit einigen Wochen einen Alltag, der sich deutlich von dem unterscheidet, den wir „vor Covid19“ hatten. Viele Menschen haben mehr Zeit als vorher, andere wissen nicht wo ihnen der Kopf steht. Die Medien kennen nur ein einziges Thema, und mit diesem Thema beschäftigt sich die ganze Welt.

Am Anfang haben wir gestaunt und alles aufgesogen, was uns die Virologen erzählt  haben. Dann meldeten sich nach und nach Expert:innen anderer Disziplinen zu Wort. Alle legen den Schwerpunkt auf ihr spezielles Fachgebiet mit ihrem naturgemäß eingeschränkten Blickfeld. Die verschiedenen Denklinien und Schlussfolgerungen überschneiden und verknoten sich, laufen durcheinander. Das verwirrt uns zunehmend. Wir befinden uns in einer Art „Wimmelbild“. Wir sind nicht in der Lage, die gesamten Auswirkungen einer Pandemie vollständig zu erfassen, interdiszipläres Denken ist nicht eingeübt. Jegliches Handeln wie auch die Kritik an den derzeitigen Maßnahmen fußt darüber hinaus auf den unterschiedlichsten Motiven. Anhand welcher Ziele diskutieren wir, was sind unsere Beurteilungskriterien? Hätten wir bereits mehr Übung im Umgang mit den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs), hätten wir zumindest eine Diskussionsgrundlage, welche Zielkonflikte klar erkennbar macht.

 

Blöderweise gibt es keine Eindeutigkeit

Weil man aber im Wissen um Corona und der Bedeutung der verhängten Maßnahmen nur schrittchenweise weiterkommt und wir ständig auf der Suche nach Informationen sind, richten wir unser Augenmerk nun auf wie auch immer geartete „Stories“ und leicht aufnehmbares Wissen, wo immer es auch her kommt. Viele melden sich zur Zeit zu Wort, die etwas zum Thema beitragen wollen – aus welchen Gründen auch immer. Geschichten und Verschwörungen sind schnell erfunden, oft erzählt und lassen sich wunderbar weiterspinnen in einer Zeit großer Ungewissheiten. Schließlich sind wir derzeit Lebenden in Europa zum ersten Mal in einer Pandemie. Nie hätten wir geglaubt, dass wir technisch-medizinisch so wenig schnelle Lösungen parat haben würden. Unfassbar hören wir hochkarätigen Experten zu, die das sogar zugeben und unser Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten über klare Zusammenhänge nicht befriedigen. Das tun dann aber andere, die uns die Dinge von der Seitenlinie aus erklären und die „wissen, wie es WIRKLICH ist“.

 

Covid19: Wissen und glauben

Warum ist das so? Ich erkläre mir das folgendermaßen: Wir sind mit Corona in eine Welt hineingeraten, die wir nicht kennen. Zum ersten Mal erleben wir eine derartige Einschränkung der Grundrechte. Wir haben Angst – vor der Krankheit oder vor der Insolvenz. Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird. Die ganze Gesellschaft befindet sich in stürmischer See und sucht das rettende Ufer.

Während wir anfangs gemeinsam die Gesundheit und das Lebensrecht aller durch COVID19 direkt gefährdeten Gruppen an erste Stelle gestellt haben, haben sich im Laufe der Zeit die Gewichtungen und Interessen deutlich ausdifferenziert. Die Wirtschaft will Geld verdienen, entweder genauso wie vorher oder mit neuen Konzepten. Eltern wollen wieder durchatmen. Menschen wollen ihre Angehörigen im Seniorenheim besuchen. Fachleute weisen daraufhin, dass Menschen mit anderen akuten wie chronischen Erkrankungen auch nicht hinten rüber fallen dürfen. Menschen demonstrieren für ihre neu entdeckten Grundrechte, Bund und Länder spüren den Druck „zu öffnen“.  Die Gesundheitsämter bemühen sich darum, die Lage irgendwie zu kontrollieren.

 

Unser Umgang mit Informationen: Plausibiltät

Wir alle versuchen jetzt,  die zunehmend widersprüchlichen Informationen einzusortieren, die auf uns einprasseln. Einiges erscheint uns glaubwürdig, bei anderem haben wir unsere Zweifel. WISSEN tun wir wenig, fühlen tun wir viel.

Eine Nachricht von außen (ein Text, ein Video, ein Bild…) trifft auf unsere eigenen Wahrheiten, die wir uns zurecht gelegt haben. So erscheint uns eine Aussage als schlüssig oder eher nicht.

Grundsätzliche Denkmuster haben wir uns im Laufe unseres Lebens aufgebaut in einem ständigen Prozess des Entwickelns, Verwerfens, neu Justierens, Erweiterns. Wir entwickeln unsere Wertvorstellungen und bringen sie in eine Hierarchie (z.B. Freiheit ist wichtiger als Sicherheit oder Leben ist mehr wert als Geld). Wir bilden Hypothesen über die Zusammenhänge von Dingen (wenn wir dies und das tun, kommt das und das dabei heraus). Wir gewichten Informationen nach unserem eigenen Modell.

 

Was wir wollen ist Stimmigkeit

Dieses unser Weltbild versuchen wir zu schützen, so gut es geht – weil seine Aufrechterhaltung unser Wohlbefinden sichert. Stabile Feindbilder z.B. sichern unser Gefühl der Zugehörigkeit zu „den Guten“. Wir justieren nach, wenn Widersprüchliches nicht mehr ignoriert werden kann oder eine neue Variante von Wahrheit unser Wohlbefinden nicht in Frage stellt. Neuigkeiten, die ein positives Gefühl in uns auslösen, nehmen wir eher an als solche, die uns und unsere bisherigen Vorstellungen in Frage stellen. Denn Denken und Fühlen hängen eng miteinander zusammen. Im nächsten Schritt ziehet beides Wollen und Tun hinter sich her.

Wenn Denken, Fühlen, Wollen und Handeln in Einklang miteinander stehen, fühlen wir uns „kongruent“, als Einheit, stimmig und im Einklang mit uns selbst. Unstimmigkeiten kosten uns Energie. All das gehört übrigens zu den grundlegenden Denkmodellen fürs Coaching.

 

Unsere Suche nach Orientierung

Was machen wir jetzt mit all den Geschichten rund um Corona, die auf uns einprasseln? Sie stoßen auf unser Weltbild, welches wir versuchen auf die aktuelle Situation zu beziehen. Wir versuchen, die vielen Informationen strukturiert in unsere Denkmuster einzugliedern. Eine wesentliche Rolle bei diesem Prozess spielen die Gefühle, die dadurch entstehen. Mitgefühl oder Verzweiflung, Wut oder Angst, Ohnmacht oder Kreativität – verbunden mit den Werten, die für uns ganz wichtig sind.

Je mehr wir Zeit und Gelegenheiten haben, uns mit den täglich neuen Nachrichten und ständig variirenden Hypothesen über die Auswirkungen von Corona-Maßnahmen zu beschäftigen, desto mehr löst das in uns Kopfschütteln aus oder eine wie auch immer geartete Faszination.

Die meisten Nachrichten können wir selber nicht nachprüfen. Aufgrund unseres Weltbildes haben wir uns entschieden, manchen Fachleuten eher zu vertrauen als anderen. Wir selektieren die Nachrichten heraus, die bei uns die größtmögliche Stimmigkeit hervorrufen. Passt das, was ich höre oder lese zu dem, was ich ohnehin für wahr halte? Passt das zu meinem Wertegefüge? Lassen sich die Informationen, die ich wahrnehme, dort integrieren? Das, was ich höre muss nicht mit dem übereinstimmen, was ausgedrückt werden soll – denn wir nehmen verstärkt das wahr, was wir kennen und was in eine unserer  Denk-Schubladen passt.

 

Ein Schritt zurücktreten bitte!

Das was wir lernen können ist, diese Mechanismen bei uns selber zu durchschauen. Einen Schritt zurück zu treten und neu hinzuschauen. Uns klar zu machen, welches Wertegefüge für uns wahr ist und an welche Zusammenhänge wir glauben. Welche Ziele wir verfolgen und anhand welcher Kriterien wir beurteilen, was wir für gut, angemessen, richtig oder notwendig halten. Und dann neu entscheiden, wie wir mit Informationen und Meinungen umgehen wollen, die uns erreichen. Die Entscheidung, eine Nachricht „zu teilen“ oder es nicht zu tun, hat Konsequenzen. Das ist unsere Verantwortung.

 

Wem zuhören?

Ich persönlich höre lieber Fachleuten oder auch Politiker:innen zu, die Fragen haben. Die nach gründlichem Abwägen eine Entscheidung treffen – nach bestem im Augenblick verfügbaren Wissen und Gewissen. Die bereit sind, nach gründlichem Nachdenken Fehler zu riskieren und offen darüber sprechen. Die ihr Wissen als begrenzt betrachten und in einen Kontext stellen. Die ihre Ziele und Zielkonflikte benennen und die reflektieren, was sie sagen und was sie tun. Und die nicht im Nachhinein alles vorher schon besser gewusst zu haben glauben.

 

Posted by coaching.zentrum

Margot Böhm ist Inhaberin des coaching.zentrum Sylt. Sie ist diplomierte Erziehungswissenschaftlerin (Erwachsenenbildung), SeniorCoach und LehrCoach (DCV) , Coach sowie Coachausbilderin.